Es gibt so eine typische Anmutung, da sagt man einfach: Ups, das ist NeoProg. Kürzlich habe ich das mit einem Rezensentenkollegen dieser Seiten diskutiert. Bei der Band, bei der er diese "NeoProg-Anmutung" gespürt haben wollte, war ich zwar nicht seiner Meinung, aber bei den Italiener Edera ist dieser Eindruck überdeutlich.
Es ist zum einen diese Präsenz von Tasteninstrumenten, um nicht gleich von "Omnipräsenz" zu sprechen. Keyboarder Catarisano lebt sich in epischer Breite aus. Dabei geht er aber sehr geschmackvoll vor und bedient sich neben diverser Synthie-Sounds auch ziemlich viel Piano, was den Keyboards einen erdigen, echten Touch gibt.
Wie immer bei - gutem - NeoProg gehören natürlich auch Gitarren zum Klangbild. Dabei dürfen die Gitarren ordentlich rocken, aber sicherlich nicht allzu 'böse' sein. Bei Edera gibt es gleich zwei Gitarristen, die sich kraftvoll ins Zeug legen. Da dürfen die Gitarren schon mal heftig riffen, so dass die Musik von Edera deutlich ins hardrockige gleitet, aber es gibt auch elegische Soli und viele Akustikparts, die ruhigere Töne anschlagen.
Über allem thront Sänger Valentini, der eine unglaubliche Anzahl an Text im Laufe der gut 50 Minuten Musik 'rüberbringt. Für mich ein Problem dieses Albums. Valentini ist ganz sicher kein schlechter Sänger, auch wenn er gelegentlich zum Meckern neigt, aber dieses fast ununterbrochene Singen ist für mein Empfinden ziemlich anstrengend und stört ein bisschen die Melodik der Musik. Gut, das Album-Konzept (welches ich allerdings nicht weiter untersucht habe) will wahrscheinlich erzählt werden, aber da wäre weniger sicherlich mehr gewesen.
Die 19 Titel des Albums verbinden sich zu einer Suite mit fliessenden Übergängen. Die Songs bauen aufeinander auf und legen geschickte Spannungs- und Melodiebögen. Dynamische Parts wechseln sich mit ruhigen, nachdenklichen und dann wieder bombastisch-symphonischen Ausflügen ab. Das ist sehr gelungen, aber auch ein bisschen anstrengend, weil man eigentlich immer das komplette Album von vorne bis hinten hören muss, damit sich die Wirkung entfaltet. Edera bauen auch ein paar Gimmicks, wie zum Beispiel eine plötzliche jazzrockige Passage, ein, so dass sich der Hörgenuss so schnell nicht abnutzt. Für sich alleine kann allerdings kaum einer der Songs wirklich stehen. Am ehesten noch "Misunderstanding", der sozusagen prototypisch das ganze Album in sich vereinigt und auch am deutlichsten die Einflüsse von Edera zeigt.
Edera selbst sprechen von Queen, Marillion, Genesis, Savatage, Queensryche, Rush und David Bowie. Nun Savatage kenne ich zuwenig, aber für Anleihen an metalnahe Acts wie Queensryche, Savatage oder Rush klingt die Musik trotz der gelegentlichen HardRock-Gitarren doch zu brav. Queen, ganz ganz vage, aber vor allem Marillion und Genesis lassen sich sehr gut nachvollziehen. So klingt insbesondere das schon erwähnte "Misunderstanding" wie eine Blaupause des typischen Marillion-Genesis-NeoProg-Sounds. Für Bowie spricht zum die fast musicalhafte Theatralik, mit der viele Passagen dargeboten werden.
Alles in allem gelingt den Italiener ein schöner, ansprechender Beitrag zum inzwischen kritisch zu sehenden Genre NeoProg. Mit Geschmack und Stil kann man hier also auch noch in 2006 (bzw. 2005) zeitgemässe Beiträge leisten, die mindestens den melodieverliebten Proggie begeistern können sollten.
Thomas Kohlruß
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